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Auf den Gleisen

16/05/2013
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Entschuldigen Sie bitte?!

Eine junge Frau kommt auf mich zu. Sie sieht nett aus, normal bis trendy, mit dicker Nerdbrille auf
der Nase, blond, enge Jeans und Turnschuhe. Eigentlich sieht sie sogar ganz hübsch aus in ihrer jugendlichen Uniform. In der einen Hand trägt sie eine Henkeltasche, mit der anderen hält sie einen lustigen kleinen Mops an der Leine, der mich ebenfalls fragend anschaut.

Ja?“ sage ich und schaue von meinem Telefon auf, ich prüfe gerade, ob mein Zug pünktlich käme,
beim Umsteigen in dem kleinen Dorf kann eine Verspätung schon mal schnell ausarten und der Feierabend rückt in empfindliche Ferne.

Entschuldigen Sie, meinen Sie, ich kann hier mal eben auf die Gleise gehen? Nur für einen Moment?

Verständnislos starre ich sie an

Meinen Sie, das ist gefährlich?

Ich starre weiterhin und bekomme zumindest ein „ja, schon“ heraus.
Mein Handy ist mir gerade aus der Tasche gefallen, ich bin ganz froh, dass ich es überhaupt gemerkt habe, aber jetzt liegt es da unten, auf den Gleisen.

Endlich verstehe ich und verdränge schnell sämtliche seltsamen Szenarien aus meinem Kopf, die sich dort aufgrund der seltsamen Frage eingeschlichen haben – ich habe einfach zu viel Fantasie. Ich erkläre ihr, dass ich es für sehr gefährlich halte, weil auf dem Dorfbahnhof sehr oft ICEs vorbei fahren, mit hoher Geschwindigkeit und zwar so oft, dass es dazu nicht mal einzelne Durchsagen gibt sondern nur ein regelmäßiger monotoner Hinweis vom Band [Achtung, durchfahrende Züge]. Zudem liegt der Bahnsteig zwischen zwei Gleis’kurven‘ so dass man heran rauschenden Züge auch nicht vorher sieht.

Entmutigt schweigt sie und schaut mich mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung an.
Hier gibt es auch kein … also keine Bahnmitarbeiter oder so was, oder?“ Ich verneine, es ist eben ein typischer ein-Bahnsteig-Dorfbahnhof. „Wo liegt es denn?“ frage ich und wir laufen zu der betreffenden Stelle und schauen hinab, ein Apfelgerät, natürlich, in einer neonpinken Hülle.
Es liegt tatsächlich quasi in Reichweite.

Die ganze Zeit über hoffe ich, dass ein ICE vorbei rauscht, egal ob auf dem Gleis oder Gegenüber, nur damit sie sieht wie schnell die sind, wie gewaltig alleine der Luftzug auf dem Gleis an einem zuppelt, damit sie versteht, wie ernst es mir mit der Warnung ist.

Hm“ sagt sie. „Hm“ sage ich und wir schauen beide auf die neonpinke Hülle.

Sie seufzt und ich muss einfach nochmal sagen, dass die Züge sehr sehr schnell sind, dass sie unvorbereitet kommen, dass man sie nicht sieht, vorher. Dabei kann ich sie verstehen, dass teure Ding liegt vielleicht gerade mal einen Meter unter uns, zum Greifen nahe und ganz unversehrt. Weit und breit natürlich kein rasendes Monstrum zu sehen.

Können Sie meinen Hund kurz halten?“ – noch während sie das fragt drückt sie mir die Leine in die Hand, stellt die Tasche ab und hüpft beherzt ins Gleisbett, schnappt sich das Handy und –

[meine Fantasie dreht durch, während der Mops genauso aufgeregt anfängt zu bellen und an der Leine auf und ab hüpft, zieht und zerrt und sich wie verrückt aufführt von jetzt auf gleich, bin ich genauso aufgeregt aber auch genauso hilflos und weiß nicht was wäre wenn – würde die Zeit noch reichen sie wieder hoch zu ziehen? Würde ich die Leine los lassen und statt ihrer wäre der Hund im Gleis? Höre ich einen Zug, das hört man doch schon vorher, dieses Spannungsbruzzeln. Oder nicht? Was würde ich tun? Liegt da nicht Strom drauf, irgendwo, oder war das nur bei UBahnen so? Ich sehe sie tausend Tode sterben, für jeden einzelnen bin ich verantwortlich]

– hüpft behände wieder auf den Bahnsteig, in nicht mal zwei Sekunden. Sie beruhigt den Hund, schnappt sich die Tasche und bedankt sich bei mir, mit einem netten Lächeln und schon ist sie die Treppe runter und weg.

Es ist wirklich gefährlich“ sage ich noch einmal leise, nur so für mich. Ein ICE kam nicht mehr,
obwohl sie sonst gefühlt alle zwei Minuten durch rasen – dafür mein Bummelzug, der mich endlich in den Feierabend trug.

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6 Kommentare leave one →
  1. 16/05/2013 19:10

    Oha, hab Gänsehaut gekriegt beim Lesen!!

  2. 16/05/2013 21:23

    Ach du… das lässt mich alleine beim Lesen die Luft anhalten. Die Horrorszenarien wären vor meinem Auge genauso abgelaufen und mich hätte das auch so einfach nicht wieder losgelassen.

  3. 17/05/2013 11:08

    Uff! Puh! *schweißwegwisch*

  4. 17/05/2013 15:09

    Oh man, was für eine Geschichte… denschweißvonderstirntupf…

    Unverantwortlich, was die Frau da getan hat – auch wenn sie Glück hatte!

  5. 19/05/2013 20:31

    Niemals im Leben hätte ich mich auf die Gleise getraut, nicht mal für mein geliebtes BlackBerry. Das ist allerdings auch so in der Tasche verstaut, dass es nicht rausfallen kann …

  6. 22/05/2013 19:33

    Das war wirklich gruselig – neulich habe ich am gleichen Bahnhof mal einen Mann über die Gleise von einem Bahnsteig zum anderen hüpfen sehen. Zu faul um eine Treppe runter und die andere wieder hoch zu laufen? Zu cool? Adrenalinschub? Ich weiß es nicht, zum schreien dumm auf alle Fälle. Am schlimmsten fand ich, dass der Schaffner der SBahn gegenüber ihn auch noch in die Bahn gelassen hat, obwohl er das ganze eindeutig beobachtet hat – ohne Strafe oder Reaktion.

    Tanya, den Kopf schüttelnd

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