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Die Unantastbarkeit des Schlafes

24/11/2006

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre in einigen Dingen
mutiger, bzw. ohne moralische/gesellschaftlichen Zwänge.

Gerade letztes Wochenende, als ich durch den gut gefüllten Zug Richtung
Raucherabteil lief und die vielen schlafenden Gesichter sah, dachte ich darüber
nach; wie gern würde ich sie fotografieren, aber …

Vielleicht hat das auch weniger mit Mut als mit Respekt zu tun. Oder stillschweigendes Einverständnis.
Denn ich weiß ganz genau – von mir aus gesehen – dass ich es hassen würde, wenn mich jemand fotografieren würde, ohne mein Wissen und – vor allem – ohne meine Zustimmung.
Also erbiete ich diese Art von Respekt auch anderen Menschen, nicht auf diese Weise behandelt zu werden.

Paradox irgendwie, denn wie kann ich den Augenblick in einem Foto festhalten, den Augenblick des schlafenden Menschen, wenn ich ihn vorher wecken und um Erlaubnis fragen würde?
Und wenn ich den Augenblick nutze, ihn fotografiere, ihn hinterher nicht wecke um es ihm zu sagen, wird er es nie erfahren, es sei denn, ich nutze die Fotos für eine Arbeit.

Und trotzdem, das stille Tabu, der stille Respekt, vielleicht aber auch nur meine ganz eigene Mutlosigkeit –
das Alles hindert mich daran.

Um auf den Kern zu kommen, wieso ich das überhaupt so bedauer (ja, meine Abschweifungen);

Schlafende Menschen haben etwas ganz besonderes an sich.
Ein schlafender Mensch verliert seine Maske, die er – wenn vielleicht auch unbewußt – den ganzen Tag mit sich herum trägt. Ohne Mimik, ohne Spannung, ohne Leben.
Ein schlafendes Gesicht, vollkommen entspannt, zeigt meiner Meinung nach das neutralste und ehrlichste Gesicht eines Menschen.
Manchmal friedlich, manchmal völlig verzogen, Furchen, die die alltägliche Mimik in die Haut gegraben hat.
Lachfalten um Mund und Augen eines fröhlichen, positiven Menschen, Falten tief in die Stirn gezeichnet, ob aus Zorn oder Sorge machen oft keinen Unterschied.

Die Muskeln entspannt, der Mund der Selbstkontrolle überlassen meist leicht offen stehend, die Nase sich manchmal unmerklich im Takt der Atmung sich leicht aufblähend.
Ganz spannend finde ich die schlafenden Gesichter von ansonsten
sehr sorgfältig zurechtgemachten Menschen, die im wachen Zustand übertrieben viel Wert auf ihre äußere Erscheinung legen.
Gerade Frauen; auf das wache Gesicht perfekt abgestimmtes Make Up, gezupfte Augenbrauen, kunstvoll geschwungene Linien … im Schlaf gerät das schon mal ziemlich aus der Bahn, wie eine flache Leinwand ohne Struktur, auf der das Bild ins rutschen geraten ist und aus dem Rahmen zu fallen droht.

Schon wieder seufze ich, denn nur zu gern wäre ich so mutig, einfach durch den Zug zu spazieren und diese verrutschten Kunstwerke einfangen, im schummerigen, künstlichen Licht der Nachtbahn, sie zusammenfügen zu einem Ganzen, eine Darstellung der unschuldigsten und verletzlichsten Momente eines jeden Menschen.

Eventuell ist es aber auch gerade diese Verletzlichkeit, die mich zurück hält.

 

Tanya, mal wieder ziemlich wirr durcheinander denkend und frei weg schreibend.

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