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Zugfahrt, dritter Akt

16/08/2006
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nachgereicht vom 25 Juli 2006 aus im Zug

Mitten in der Woche ICE zu fahren, eine ganz andere Erfahrung, ein ganz anderes Publikum. Während am Wochenende meist Geschäftsreisende und Fernbeziehungen den Zug quasi übervölkern ist der Zug heute herrlich leer – leider nicht ruhiger, ganz im Gegenteil.

Und (!) es ist wunderbar kühl, die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, meine nackten Zehen wohlig in die in diesen Tagen ungewohnt kühle Luft räkelnd vergesse ich die stressig – verschwitzte Tour vom Morgen. Ich genieße die Fahrt, freue mich auf Wolfsburg und Berlin und betrachte meine Mitreisenden.

Den schätzungsweise 19jährigen beispielsweise, der akrobatischer Weise seine nackten Füße auf den kleinen Tisch am Vordersitz gelegt hat. Laut die Ärzte hörend und noch begeisterter laut mitgröhlend, vorzugsweise natürlich die provokanten Stellen, damit die Herrschaften eine Sitzreihe weiter auch wirklich alles mitbekommen. Eine Frau mit schlafendem Kleinkind bittet ihn zur ruhe und plötzlich ist er ganz pflegeleicht, ruhig und lässt beim Anblick des Schaffners schnell die Füße vom Tisch verschwinden.

Oder das ältere Ehepaar hinter mir, das wohl jedes Jahr die gleiche Fahrt unternimmt und ansonsten nicht viel aus dem Hause kommt. Jeder bekannte noch so kleine Augenblick wird mit einem Kommentar bedacht.
"Wenn wir den Anschluß in Hannover wie letztes Jahr verpassen, können wir wieder am Restaurant da dicke Bohnen essen, weißt Du noch?" "Ach guck mal die Felder hier waren letztes Jahr mit Sonnenblumen bepflanzt" "Der Schaffner im letzten Jahr hatte aber keine langen Haare, also das die sowas überhaupt noch einstellen" Natürlich wurde auch jedes Minütchen Verspätung genauest kommentiert und davon hatten wir dann letztendlich bei der Ankunft in Hannover auch 15 Minuten, sowie die Geschwindigkeit des Zuges. "Wenn der weiterhin so langsam fährt macht er 2 Minuten Verspätung auf 50 km" oder "Guck jetzt wird es auch angezeigt 98 km/h." "100 km/h" "170 km/h/h" "99 km/h" … was war ich froh, als die Anzeige verschwand. Ab 10 Minuten Verspätung grenzte der Unterton des Paares einer Panikattacke, Schaffner wurden gesucht, aufgeregt telefoniert. Lustig.

Am nervigsten aber das junge Paar ganz hinten im Zug (ja hinten sitzen immer die Coolsten, das wissen wir spätestens aus Klassenfahrtzeiten, nech?). Jedes Geräusch wurde mit einer Bemerkung kommentiert, bzw. es wurde darüber hergezogen und gemault. Sei es das brüchige Englisch der Lautsprecherdurchsagen, der mitsingende, gelenkige Ärzte Fan oder Handyklingeltöne. Alles war ihnen zu laut, zu doof, zu nervig, zu irgendwas. Dabei merkten sie bei dem ganzen Gemecker gar nicht, dass sie am lautesten und störensten von allen Insassen waren. Irgendwann kurz vor Hannover schliefen die beiden dann zum Biene Maja Bordprogramm ein und es herrschte wieder Ruhe.

In Hannover dann das nicht fehlende dürfende Beinahe-Unglück, welches ich aber verhindern konnte, weil ich meine rücksichtslosen Mitmenschen ja kenne. Steigt jemand ein, wirft sich in den Sitz, ich nehme vorausschauender Weise meinen frisch eingegossenen heißen Kaffee vom Tisch als – ganz genau – der Sitz brutal nach hinten klappt, natürlich ohne Frage/Rücksichtnahme oder einen Blick nach hinten. Aber ich hab’s vorhergesehen, kein heißer Kaffee auf meiner Hose also, nur ein unsanfter Stoss gegen meine armen Kniescheiben. Als er direkt danach den Platz wechselte und ich ihn freundlich bat vor dem verschwinden doch bitte den Sitz wieder hochzuklappen starrte er mich nur unverständlich an. Ich find’s schade, in welche Richtung sich das Miteinander der Menschheit entwickelt.

Dann der letzte Teilabschnitt – Hannover bis Wolfsburg.
Ich liebe dieses letzte Stück. Wohl weil wir als Teenager mit dem Schülerferienticket früher immer diese Strecke gefahren sind. Wolfsburg war damals ein Kaff und in Hannover lockte die große Welt … aus Schüleraugen gesehen. Natürlich konnte man mit dem Ticket nur auf Nahverkehrzügen fahren, die an jeder Milchkanne hielten. Wolfsburg hatte damals noch nicht mal einen ICE Bahnhof.

Langsam wird die Gegend bekannter, ich erkenne das eine oder andere Dorf und die passenden Erinnerungen schießen mir durch den Kopf. Spätestens wenn der Mittellandkanal dann ins Blickfeld rückt, weiß ich, es ist soweit, ich komme nach Hause. Oder dahin, was einmal mein zu Hause war.

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One Comment leave one →
  1. 04/01/2011 13:18

    früher war ich sehr viel mit dem zug unterwegs, jetzt kaum noch. das letzte mal ist schon über ein jahr her. ich finde das jedesmal sehr unterhaltsam, auch wenn einige fahrgäste wirklich nerven. ich schaue auch gerne einfach nur aus dem fenster. und am bahnsteig stehen und die mischung beobachten aus gelangweilt-auf-den-zug-warten und panisch-zum-anschluss-hetzen, das zeigt so viele verschiedene facetten des lebens und unserer mitmenschen.
    bei mir geht es auch bald nach hause, aber mit dem auto. mit zwei kindern ist das eindeutig die bessere wahl.

    geschrieben von emily — 16 Aug 2006, 18:54

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