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Misstrauen der modernen Gesellschaft? Geiz? Oder: Ich suchte ein Taschentuch.

20/10/2005

Samstag Nachmittag, im Supermarkt.

Tanya geht einkaufen, nicht viel, ein paar Lebensmittel auf die schnelle, die eine oder andere Schleckerei. Wühle in dem Regal mit den Mexikanischen Köstlichkeiten, für die sich wohl sonst niemand interessiert, denn ein Staubwölkchen findet den Weg in meine Nase und ich muss niesen. So weit, so gut. Ich hab immer Taschentücher dabei … immer … nur eben an diesem Nachmittag nicht, wie ich nach suchendem Abklopfen aller Jacken-, Hosen- und Einkaufstaschen mit Erstaunen feststelle.

Nun gut, kann ja nicht so schwer sein ein Taschentuch aufzutreiben, denk ich mir, ein gut besuchter Supermarkt, da wird jemand ein Taschentuch für mich über haben.

Kaufen will ich keine, hatte ich erst und sitze zu Hause auf zwei Riesenfamilienpaketen.

Erstes Ansprechprojekt:

Mutter mit Kind im Kinderwagen. Hej, Mütter haben immer Taschentücher oder ähnliches dabei, selbst als Babysitter war ich jedenfalls immer so ausgerüstet. Ich spreche sie freundlich an, ob sie zufällig ein Taschentuch für mich habe, mache sogar noch eine kleine Bemerkung, dass Mütter ja immer Taschentücher dabei hätten und lächele aufmunternd. Sie sucht oberflächlich in ihrem Kinderwagennetz, murmelt dann was von „…normalerweise … ja… irgendwo… nein habe keine dabei“ lächelt gequält und sucht relativ zügig das Weite.

Noch denk ich mir nichts dabei und starte lächelnd auf

Zweites Ansprechprojekt:

Oma und Opa beim Nachmittagseinkaufsbummel am Keksregal.

Auch ältere Menschen haben vorsorglich IMMER Taschentücher dabei … oder nicht?

Als ich lächelnd, Hörgerätfreundlich laut und deutlich danach frage, begegnet mir nur ein äußerst misstrauischer Blick gefolgt von einem genuschelten „… nein … tut mir leid … „

Nachdem auch Projekt vier und 5 (jeweils ältere Herrschaften) mir mit ähnlichem Blick begegnet sind, werde ich nachdenklich. Mustere meine Kleidung. Jeans, Shirt, Kaputzenjacke, Chucks. Alles sauber. Schau in eine dieser Spiegelsäulen, Pferdeschwanz sitzt, Augen haben unauffällige Normalfärbung, keine seltsamen Verschmierungen im Gesicht.

Ich überlege: Hat wirklich heutzutage niemand außer mir (ok, normalerweise *lächelt*) immer ein Taschentuch dabei? Oder wollen sie bloß kein rausgeben? Und wenn warum nicht?

Misstrauen? Haben sie Angst, dass ich harmlos aussehende Kreatur (behaupte ich jetzt mal so) während der Taschentuchsuche ihre Handtasche raube?

Ein Taschentuch … vielleicht ist auch die Frage nach so etwas simplen heutzutage schon dermaßen außergewöhnlich, dass es misstrauen anregt.

Wäre man mir bei der Frage nach „nem Euro“ weniger argwöhnisch begegnet?

Nach Ansprechprojekt 6 und 7 gebe ich resignierend auf, schnappe mir eine Packung Taschentücher aus dem Regal und genieße das göttliche Gefühl mir endlich die Nase schnauben zu können.

An der Kasse steht die Mama mit dem Kinderwagen hinter mir. Als ich das aufgerissene Paket Taschentücher aufs Kassenband lege, schaut sie mich komisch an … als ob sie sagen wollte: Sie brauchte ja wirklich ein Taschentuch.

Sachen gibt es …

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One Comment leave one →
  1. 04/01/2011 17:53

    1.
    *lol* Meine Fresse…klingt nach unserer miefigen Kleinstadt…wobei…hier kennen sich eigentlich alle, da würde sich keiner trauen, das Taschentuch zu verweigern, sonst wüssten es bald alle…oder wie sagte mein bester Freund Tobi so schön, der am anderen Ende dieses Dreckskaffs lebt: „Wenn ich vor deinem Haus einen fahren lasse, weiß meine Mutter es noch vor dem Mittagessen.“

    geschrieben von Aza — 21 Okt 2005, 11:22

    2.
    Vielleicht bist Du einfach zu rational analytisch an die ganze Sache rangegangen *zwinker* Hättest Du irgendjemand, der/die Dir grad über’n Weg gelaufen ist/sind nach einem Tatü angehauen, wäre die Wahrscheinlichkeit wohl höher gewesen… Die Hypothese mit dem Misstrauen scheint mir ziemlich plausibel zu sein… Was würdest Du denken, wenn jmd. „verzweifelt“ auf der Suche nach etwas, schnurstracks auf Dich „zustürmen“ würde, obwohl dieser jmd. genügend andere Alternativen gehabt hätte… Das greift, denke ich auch noch ein Phänomen was sich Verantwortungsdiffusion nennt… Jmd. fragt mich nach etwas und es sind genügend Leute drumrum… Also werden die wohl aushelfen können – warum dann also ich?! Diese Hypothesen greift allerdings nur in vollen Supermärkten…

    In (fast) leeren SuMä’s sieht die Sache wohl schon etwas schwieriger aus… Welche Erklärungen könnte man da so finden… hmmm! Vielleicht hatte ja wirklich niemand eins Einstecken… Das wäre die einfachste *grins* Wohl zu einfach… *grübel* Tja! Vielleicht waren die Leute, die Du gefragt hast einfach zu überrascht von einer solchen „Dreistigkeit“ *zwinker*, dass sie reflexartig erstmal abgeblockt haben… Aber das ist alles nur Spekulation…

    Wie auch immer… Eine Sehr nette Geschichte und das beste: eine wunderbare Sozialstudie *grins*

    Weiter so!!! Ich liebe Deinen Schreibstil und Deine Beobachtungsgabe für scheinbar profane Erlebnisse im Alltag, die so manch anderer auf dieser Welt nie eines Gedankens würdigen würde…

    LG (ich stöber noch ein bissle *grins*)

    geschrieben von Steffen — 05 Nov 2005, 18:01

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