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Die Schuldigkeit des Gesund-Seins

23/09/2005

Seit ich denken kann hat es die Leute um mich herum mit schweren Krankheiten geschlagen, die in den meisten Fällen auch in den Tod führten.

Verliefen sie nicht tödlich, so begleitet die Krankheit sie doch ihr Leben lang, eine ständige Prozedur von Ärzten, Operationen, Behandlungen, Anzeichen von Besserung und der nächste Tiefschlag.

Die Überschrift lautet: Die Schuldigkeit des Gesund-Seins. Verwirrend?

Nun, ich versuche es zu erklären.

Ich selber war ja nie betroffen, ICH musste diesen Leidensweg nicht durchschreiten, ICH musste nie leiden, ICH hatte die Schmerzen nicht, die hoffnungsvollen Momente und niederschmetternden Diagnosen kurz danach.

Aber ja, mir geht es schlecht. Mir geht es sogar sehr schlecht. Begleite und begleitete hilflos die mir nahestehenden Menschen, versuche und versuchte immer irgendwie da zu sein, einfach irgendwas zu tun.

Mittlerweile schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich auch nur die Krankenhausvorhalle betrete, spätestens beim Geruch eines Krankenzimmers treten mir die Tränen in die Augen. Nachts kann ich nicht schlafen, ich mach mir Sorgen. Immer. Über alles. Über jeden.

Immer wenn es ein kurzes Aufatmen gibt, eine kleine Phase der Ruhe, selbst dann kann ich nicht loslassen, traue dem Frieden einfach nicht mehr.

Da kommt der Punkt „Schuldigkeit“: Darf es mir überhaupt schlecht gehen? Darf ich leiden? Darf ich wütend sein? Oft … fühl ich mich irgendwie schuldig, weil es mir eigentlich gut geht und ich dafür dankbar sein sollte, mich die Seele aber quält.

Merke gerade, dass ich irgendwie gar nicht wirklich ausdrücken kann um was es mir geht, keine Ahnung ob das hier überhaupt jemand liest, ob das jemand versteht.Ich poste es trotzdem. Ach und einen aktuellen Grund gibt es natürlich auch. Meine Freundin hat kam heute weinend vom Arzt. Schatten auf der Lunge. Krebsverdacht.

Gute Nacht.

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One Comment leave one →
  1. 04/01/2011 18:08

    1.
    Sicherlich liest das jemand. Und verstehen tu ich’s auch. Und schuldig musst du dich dessen nicht fühlen.
    Ich kann nicht nachempfinden, was du fühlst, denn ich musste nie miterleben, dass ein mir wirklich nahestehender Mensch so etwas durchmachen muss. Aber ich habe Menschen aus dem Leben geleitet, die mir in einer gewissen Weise (meistens familientechnisch) nahestanden und das war schwer genug. Wie groß muss dann der Schmerz sein, sollte einem meiner Liebsten etwas passieren? Nein, das ist mit Sicherheit nichts, wofür du Schuld empfinden solltest.
    Ich wünsche dir auf jeden Fall alle Kraft, die du brauchst und deiner Freundin sowieso.
    Und jetzt les ich das Ganze besser nicht nochmal durch, sonst finde ich doch nur endbescheuert, was ich geschrieben hab, weil Worte sowieso das letzte sind, das an einem solchen Punkt hilft.

    geschrieben von Aza — 23 Sep 2005, 11:58

    2.
    Hättest du nicht viel mehr Grund dich schuldig zu fühlen, wenn du weg sähest, das Krankenhaus gänzlich meiden würdest um im Laufe der Zeit zu vergessen?
    Du brauchst dich imo nicht dafür schuldig zu fühlen, dass du anderen beistehst, auch nicht dafür, dass du „mit leidest“ und auch nicht dafür, dass es dir schlecht geht, obwohl du selbst nicht direkt betroffen bist. Die Tatsache, dass dir Schicksale anderer derart nah und tief in die Seele gehen und du dich dem stellst spricht nur für dich – es ist dir nicht egal was aus ihr wird.
    Ohne es wirklich zu wissen scheint es mir, als denken mehr und mehr Menschen einem Muster Namens „Nach mir die Sinnflut“ folgend. Freundschaft als Zweckbeziehung gemeinsamer Voraussaetzungen und Interessen, wer die Voraussetzung nicht mehr erfüllt wird ausgewechselt und fortan nicht mehr gekannt. Wegbegleitung, Anteilnahme, „es einfach nur sehen müssen obwohl man selbst gesund daher spaziert“? Wozu der Steß, Weg kucken war schon immer viel bequemer.

    *cut* So ein schöner Bogen zu der Frage ganz oben. Weiß weder ob das verständlich ist noch ob ich deinen Post richtig interpretiert habe und auch nicht, ob ich am Kern vorbei geschossen bin. Doch die Relationen scheinen mir merkwürdig klar und doch so Paradox. Selbst dazu gezwungen um meinen Stubentigers zu trauern, der viel zu jung gegangen ist, kann ich kaum klare Gedanken fassen, rauche Kette und verschwende Unmengen Papier um diverse Sekrete, die aus meinem Kopf quillen aufzufangen.
    Die Tatsache, dass sicher auch heute mehr als eine Mutter den Verlust ihres Kindes zu verkraften hat, sollte mir dabei die Scharmesröte ins Gesicht treiben, schließlich geht es mir geradezu blendend. Müsste ich mich einer solchen schicksalsgeschlagenen Mutter gegenüber schuldig fühlen, stünde ich ihr mit meiner Rolle Zewa wisch und weg gegenüber? Ja, nein, vielleicht…Ich weiß es nicht und sage nein.

    geschrieben von Kikato — 27 Sep 2005, 00:03

    3.
    Ich bin auf meiner „Tour“ durch Deinen Blog über die zwei vorangegangenen Beiträge auch hier gelandet… Bei denen hatte es mich sehr erfreut, dass es auch eine andere Tanya, als die latent depressive bzw. melancholische gibt.

    Jo! Jetzt bin ich hier gelandet und hab mir wieder und wieder Deinen Beitrag und auch die Kommentare durchgelesen und gegrübelt, was ich Dir an dieser Stelle schreiben kann/soll, denn es ist mir ein echtes Bedürfnis, hier etwas zu schreiben… Nur das riesengroße Problem ist, dass Worte, so einfühlsam sie sein mögen und so gut gewählt sie auch immer sind, an Emotionen vorbeischießen… Gefühle kann man nicht in Worte fassen oder zumindest nur sehr unvollkommen. Noch schwieriger ist es, in schriftlicher Form auf Emotionen zu reagieren… Ich versuch’s trotzdem mal, auch wenn die Gefahr groß ist, dass das was ich hier schreibe, wie ein abgedroschenes „Ratgeberbuch“ klingen mag oder allzu argumentativ wird – was ja in einem solchen Kontext eigentlich nichts zu suchen hat…

    Zuersteinmal möchte ich Dir sagen, dass der Titel sehr treffend ist, für das was Du hier aussagen möchtest (also nicht verwirrend – auch wenn er sich erst im Nachhinein wirklich erschließt) Nichtsdestotrotz ist er FALSCH! Wo gibt es „Schuld“ bei Glück oder Pech?! An welcher Stelle?! Eine Krankheit (oder etwas Vergleichbares wie ein Unfall, eine Behinderung und und und) sind (so hart es klingen mag) Pech. Das weißt Du genauso wie jeder andere, der hier hin und wieder liest… Klar… Dass es bevorzugt die Leute um Dich herum zu treffen scheint, legt eine gewisse Überzufälligkeit nahe. Nur womit willst Du die begründen? Mit schlechtem Karma?! Mit Umlegen Deines Schicksals auf andere in Deiner Umgebung?! Nein… Jeder von uns hat sein eigenes Schicksal und jeder von uns hat seine eigenen Aufgaben und Herausforderungen, denen er/sie sich im Leben stellen muss (aus welchem Grund auch immer) Auch wenn sich Leben berühren, man aufeinander angewiesen oder sich einander zugehörig fühlt, geht damit nicht unbedingt eine Verantwortlichkeit einher, die Du in Deinem Post zu beschreiben versuchst.

    Dass Du mitleidest, obwohl oder gerade weil Du „nie Schmerz erfahren hast“, ehrt Dich um so mehr… Es zeigt, dass Du Menschen nahe sein kannst, dass Du andere wirklich in Dein Herz, in Deine Seele lässt… Das ist eine riesige Stärke… Sei Dir dessen bitte bewusst… Auch wenn es Schmerzen bedeutet, diejenigen, die man liebgewonnen hat, leiden zu sehen und „hilflos“ dabei zu sein, so bedeutet es auch, dass Du durch dieses „bedingungslose Mitfühlen“ diesen Menschen, wenn auch nicht konkret-ärztliche oder gesundheitliche Hilfe schenkst, so doch emotionale und was noch wichtiger ist… Verständnis. Und damit kann man mitunter so viel mehr helfen und soviel mehr bewirken – gerade wenn die Situation aussichtslos erscheint, als mit klugscheißerischen oder konkreten Hilfsangeboten oder dem Versuch zu helfen, wo es nichts zu helfen gibt, sondern es einfach nur um Verständnis und Empathie geht. Und das scheint Deine große Stärke zu sein… Vor der ich unendlich Respekt habe.

    Ich kann absolut verstehen, dass Du mittlerweile eine Aversion gegen Krankenhäuser hast, dass Du damit eigentlich nichts mehr zu tun haben willst… wo doch so viele um Dich herum, dort mit einem Schicksalsschlag konfrontiert worden sind. Und damit auch Du…

    Zu Deinen Fragen, ob Du wütend sein darfst, ob Du leiden darfst, ob es Dir schlecht gehen darf: Natürlich darf es das. Nur ist die Frage, worauf Du diese negativen Emotionen beziehst… Auf die Situation? Auf den Menschen? Oder auf Dich? Auf Dich solltest Du nicht wütend sein, enttäuscht oder Dir Schuld einreden… Denn Du tust das was in Deiner Macht steht und (wie ich finde) einiges darüber hinaus – was nicht wirklich selbstverständlich ist… Wieviele Menschen wenden sich von jmd. ab, weil dieser gerade Hilfe braucht?! Diese Menschen sollten sich schuldig fühlen – aber nicht Du… Auf den Menschen wütend zu sein ist natürlich auch nicht das Wahre… Aber ich denke, es ist nur zu verständlich, wenn Du auf einen Gott – oder ein Schicksal oder eben die Situation wütend bist… Verständlich und nur zu nachvollziehbar… Nur bitte! Gib weder Dir noch den Menschen in Deiner Umgebung dafür die Schuld, was passiert… Keiner kann etwas für einen solchen Schicksalsschlag… Niemand!

    Im Allgemeinen habe ich nichts anderes geschrieben als meine Mitkommentatoren… Es hätte wohl auch genügt zu schreiben, dass ich mich ihnen anschließe… Nur wollte ich meine eigenen Gedanken und Gefühle die sich mit dem Lesen dieses Beitrages bei mir eingestellt haben, versuchen in Worte zu fassen. Genau wie Dir, ist auch mir das nur sehr unvollkommen gelungen und dafür möchte ich mich auch an dieser Stelle entschuldigen und mich gleichzeitig bei Dir bedanken, dass Du mir/uns allen einen solch intimen Einblick in Dein Leben gewährst… Ich hätte eigentlich noch sooo viel dazu zu sagen, aber das würde eindeutig diesen Rahmen sprengen – bin ja jetzt schon verdammt ausführlich geworden – obwohl ich nur einen Bruchteil von dem was ich sagen wollte „zu Bit“ gebracht habe…

    Damit verbleibe ich erstmal mit herzlichen und besten Wünschen für Dich und Deine Freundin, dass ihr gemeinsam die Kraft findet, alles durchzustehen… Und so abgedroschen es klingen mag – so wahr erscheint es mir auch angesichts solcher Geschichten… „Nichts ist wirklich verloren, solange noch irgendwo ein Fünkchen Hoffnung ist und sei es nur die Hoffnung eines anderen…“

    Liebe Grüße,

    Steffen

    geschrieben von Steffen — 05 Nov 2005, 20:25

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